Studienreise Luxemburg
28. August 2022 bis 3. September 2022 | Bericht und Fotos: Alfred Eger
Geschätzte Kollegin, geschätzter Kollege, «entdecke mit uns eine multikulturelle Stadt und weitere regionale Hotspots. Die Studienreise 2022 führt uns nach Luxemburg. Das grösste Highlight von Luxemburg ist Luxemburg? Ein wenig verwirrend. Zur Aufklärung: Die Hauptstadt hat denselben Namen wie das Land, von den Luxemburgern wird sie aber oft einfach nur ‹d’Stadt› genannt. Sie ist eine der wenigen Grossstädte der Welt, die wegen ihrer steilen Hänge genauso in der Vertikalen existieren wie in der Horizontalen. Die oberste Ebene auf dem Kirchberg, wo die Banken und EU-Institutionen sitzen, kann man sich ansehen; mehr Zeit verdient die hübsche, kleine Altstadt. Und ganz unten im Grund fühlt sich die Hauptstadt – Klischee, aber in diesem Fall wahr – wirklich wie ein Dorf an.
Die Hauptstadt des Grossherzogtums Luxemburg ist Sitz zahlreicher europäischer Institutionen. Zwischen Tradition und Modernität, lassen Sie sich von den zahlreichen touristischen Sehenswürdigkeiten überraschen und besuchen Sie Unesco-Weltkulturerbe, Museen, Denkmäler und Ortschaften. Mehr als 70 Schlösser und Burgen gibt es im kleinen Luxemburg. Aber der unangefochtene Klassenbeste ist die Burganlage in Vianden, die zu den wichtigsten Baudenkmälern in Europa und damit natürlich auch zu einer der Top-Sehenswürdigkeiten des Landes zählt. Auf etwa 300 m Höhe thront sie über der gleichnamigen Stadt. Dazu empfiehlt sich eine Fahrt mit Luxemburgs einzigem Sessellift über das Tal der Our mit Blick auf das Schloss. Sogar Mick Jagger hat schon die Aussicht aus 440 Meter Höhe genossen. Auch ein Sessellift kann eben Rock’n’Roll sein.
In Vianden befindet sich eines der grössten Pumpspeicherwerke Europas. Die Idee wirkt grössenwahnsinnig, aber sie hat funktioniert. Das Porträt der Menschheit, das der Luxemburger Edward Steichen erstellt hat, indem er mit seinem Team einst für das MoMA aus über zwei Millionen Fotos die besten auswählte, ist bewegend. Ihre Heimat hat sie nach einer langen Welttournee schliesslich im Schloss Clervaux im Norden Luxemburgs gefunden. Wir entdecken die Moselregion mit ihren steilen Hängen und Weinbergen. Wir machen Halt in einer renommierten Weinkellerei in Grevenmacher und degustieren die verschiedenen Weinsorten. Die traditionelle luxemburgische Landesküche ist eher deftig, gleichwohl ist die Luxemburger Gastro-Szene ein Spiegel der multikulturellen Gesellschaft des Landes. Portugiesen, Italiener, Franzosen, überall gibt es gute Lokale, kein europäisches Land hat eine höhere Dichte an Sternerestaurants».
(Aus: Ausschreibung zur Studienreise 2022 / Kurt Altenburger)
Lektion 1 – Luxembourg Ville
Ohne anzuhalten und ohne zu verweilen vor einigen sehenswerten Gebäuden, wie dem Grossherzoglichen Palast, dem Parlamentsgebäude, der Kathedrale Notre Dame mit ihrem «kleinen Minarett», weiteren prächtigen Palastgebäuden, die heute vorwiegend der Staats- und Stadtverwaltung, aber auch Banken und Versicherungen dienen, dauert der Gang durch die Altstadt knapp eine Viertelstunde und der Höhepunkt einer Stadtbesichtigung ist erreicht; Der «schönste Balkon Europas» – die Corniche. Der Chemin de la Corniche gibt Blicke frei auf das, was in Luxemburg etwas bedeutet; die tief eingeschnittenen und mäandernden Alzette und Petross – Flüsschen, welche der Stadt ihren mittelalterlichen Schutzsitz vorgaben und mit dem Bockfelsen und den Kasematten – die Jahrhunderte alte wichtige Festungsstadt zwischen Frankreich und den deutschen Staaten entstehen liess. Unten im Tal der Alzette im Grund mit seiner kleinstädtischen Atmosphäre das Kloster Neumünster mit seiner majestätischen Abteikirche zeigt die machtvolle Bedeutung und die mehrere Jahrhunderte währende Enflussnahme der katholischen Kirche in Luxemburg und schliesslich der weite Blick nach Kirchberg mit dem Europäischen Zentrum. Luxemburg – als Sitz vieler europäischer Institutionen ist auch eine der drei europäischen Verwaltungszentren, neben Strassburg und Brüssel. Weiter erwähnenswert: um die 70% der Einwohnerinnen und Einwohner sind Ausländer; Menschen aus über 160 Nationalitäten leben in der Hauptstadt. In Luxemburg sind alle öffentlichen Verkehrsmittel unentgeltlich – also gratis, seit dem 1. Januar 2020! So soll eine Umlagerung – vom die Strassen verstopfenden Individualverkehr – gefunden werden! Haben wir in einigen Schweizer Städten vor 30 bis 40 Jahren solche mobilitätspolitischen Vorstellungenn nicht mittels Initiativen gar zu Volksabstimmungen geführt? Alle wurden abgelehnt. Luxemburg macht’s vor!
Lektion 2 – Belval – Esch sur Alzette
Das ehemalige Schwerindustrie- und Hüttengebiet wird die Stadt der Zukunft! Die Region Minett – das «Land der Roten Erde» im Süden Luxemburgs – wird seit einigen Jahren «umgebaut». Areale ehemaliger Gruben und Tagebaugebiete werden in grossflächige Biosphären-Reservate umgestaltet. Und die ehemals grösste Luxemburgische Eisen- und Stahlindustrie wird nach der Stilllegung des letzten Hochofen 1997 und nach darauffolgenden langen Sinn- und Zwecksuchungs- und Planungsjahren in eine Cité des Sciences, de la Recherche et de l’Innovation – also zur Stadt der Wissenschaft, der Forschung und Innovation um- und neu gebaut. So ragen heute in Belval, dem ehemaligen Hüttenwerk weiterhin einige «Industriekathedralen aus Eisen und Stahl» als einstige Hochöfen in Richtung Himmel. Sie bleiben als Symbol einstiger Arbeit erhalten. Sie sind als Wahrzeichen zu besichtigen, wie die der Hochofen A mit seinem 40 m hohem Aufstieg, der einen wunderbaren Ausblick über gestrige Schwerindustrielandschaft und heutige sehr moderne Architektur-Extravaganzen bietet. In der künftigen Stadt der Wissenschaft / Cité de Sciences, als neues Viertel mit seinen architektonisch spektakulären Gebäudekomplexen mit über 20 Gebäuden aus Backsteinen und Metall, umgeben von Wasserflächen, eben eingebettet in die riesigen Stahlkathedralen, dem heutigen und zukünftigen Werken und der Wissensvermittlung verpflichtend. Die junge Universität von Luxemburg ist hier in vielen Gebäuden zu Hause. Daneben, wie fast überall, haben sich Banken und andere Dienstleister niedergelassen. Dazu ist hier auch eine neue Kultur- und Event- und Unterhaltungswirtschaft im Entstehen. Wohnungen umgeben die neue City of Live / Cité des Sciences. Alles im Zeichen von Life – Balance. Im Zentrum des neuen Belval der Escher Altindustrie- und grünen Zukunftskultur mit seinem geplanten Mix mit den Altbeständen ragen einige neu gestaltete Gebäudekomplexe heraus; die ehemalige Möllerei – heute Universitätsbibliothek mit seiner futuristischer Glashülle, verschiedene Eventhallen wie die die Rockhal und der Bahnhof Belval Université mit seiner «Raupenhülle».
Lektion 3 – Fahrt in den Ösling…
… oder wie Kriege ein Land und seine Menschen verändern. Das Ösling / Luxemburger Ardennen umfasst den Norden des Grossherzogtums, etwa ein Drittel der Landesfläche und liegt zwischen 400 und 500 Höhenmeter. Die Landschaft ist geprägt von Hochflächen und tief eingegrabenen Flüssen, wie der Our und der Sauer mit ihren Tälern. Luxemburg war in seiner Geschichte immer wieder militärisch hart bedrängt worden. Die noch heute sichtbaren gewaltigen Festungsanlagen und Kasematten in der Hauptstadt Luxemburg sind Zeugnisse davon. Aber die beiden Überfälle der deutschen Kaiser- (im 1. Weltkrieg) und der Naziarmee (im 2. Weltkrieg) über das jeweils neutrale Luxemburg, haben das Land verändert. Im Ardennenkrieg im Winter 1944/45, der auch im Norden Frankreichs und Süden Belgiens schwere Spuren hinterliess. Ebenso traf es den Ösling mit jeweils schweren Zerstörungen der Dörfer, historischen Städte (Clerf, Vianden, Diekirch) und mit vielen Todesopfern unter ihren Bürgerinnen und Bürgern. Die Luxemburger konnten sich nur dank der grossen Unterstützung vor allem durch amerikanische Panzer- und Infanterietruppen gegen den übermächtigen Feind aus dem Nachbarland verteidigen und ihn schliesslich vertreiben. In vielen Gemeinden des Ösling erinnern Soldatendenkmäler und Gedenkstätten an diese Ereignisse. Eine der Folgen davon: Nach dem 2. Weltkrieg gab Luxemburg seine Neutralität auf und wurde zu einem der Gründungsstaaten der Nato, und Luxemburg stellte sogar Soldaten im Koreakrieg, um dort die US-Truppen zu unterstützen, als Gegenleistung für deren Befreiungshilfe in den Ardennenschlachten 1944/45.
Im Schloss Clervaux/Clerf unterstreicht die Foto-Sammlung «Porträt der Menschheit» des Luxemburger Fotographen Edward Steichen die Wichtigkeit zu immerwährendem Frieden, sozialer Gerechtigkeit und unbedingtem Schutz allen Lebens in all seinen Formen. Nur der Respekt vor der Würde jedes einzelnen Menschen und der ganzen Schöpfung kann die Menschen vor neuen kriegerischen Ereignissen schützen. Die Ausstellung ist ein wichtiges Gegengewicht zu den Kriegsereignissen in der Ösling-/Ardennen-Landschaft.
Lektion 4 – Trier klassisch und/oder Karl Marx
Stadtbesichtigungen in Trier – entweder klassisch oder marxistisch. Die klassische Stadtbesichtigung führt entlang den wichtigsten historischen Gebäuden, Strassen und Plätzen. Insbesondere die Bauzeugen aus der römischen Zeit in der von Trier aus der grosse Teil des nördlich der Alpen gelegenen Gebietes des Römischen Imperiums von Treveris/Trier aus regiert wurde. So das Amphitheater, die Barbara- und Kaiserthermen, die Konstantin- Basilika, dann das Wahrzeichen von Trier, die Porta Nigra und die Römerbrücke. Zahlreiche Museen sind vollgestopft mit Gegenständen aus dem römischen Treveris. Weitere mittelalterliche Bauten wie der romanische Dom und die frühgotische Liebfrauenkirche und der mittelalterliche Hauptmarkt umbaut von kulturhistorisch wertvollen Handels- und Bürgerhäuser und der Benediktinerabtei St. Matthias und weiteren Baudenkmälern schliessen den Rundgang ab.
Die Besichtigungstour «Wie der Wein Karl Marx zum Kommunisten macht» führt auf die hinterlassenen Spuren der Familie Marx und ihres bekanntesten Mitglieds, Karl. Dieser lebte seit seiner Geburt 1818 bis 1835 in Trier. Früh mit dem Wein kam Karl in Kontakt, weil seine Familie einen «Mosel»-Rebberg besass. Insbesondere seine Mutter war eine begnadete Wirtschafterin und führte die Familie nach dem frühen Tod des Vaters, eben u. a. Dank dem Wein durch relativ gute finanzielle Verhältnisse. Nach seinem Studiumsabschluss arbeitete Karl als Jurist und Redaktor. In seinen Artikeln beschäftigte sich Marx zum Teil intensiv mit der Trierer Region: Unter anderem über die schwierige materielle Lage der Winzer an der Mosel, Auseinandersetzungen über Freihandel und Schutzzölle, aber auch korrupte Steuereintreiber und Staatsbeamte bildeten den Anlass für Karl Marx, sich ökonomischen Fragen und dem Armutsproblem vor allem der Winzerfamilien anzunehmen und zu beschreiben. Karl ist nach dem Wegzug aus Trier dem Wein als Trunk sein Leben lang treu geblieben! Stationen auf dem weinseligen Marx-Rundgang ist u. a. die Karl-Marx-Statue auf dem SimeonStift-Platz; sie wurde am 5. Mai 2018 zum 200. Geburtstag von Karl Marx enthüllt. Ein (ungewolltes) Geschenk der Volksrepublik China an die Stadt Trier. Im ehemaligen Wohnhaus der Familie Marx ist heute ein Museum eingerichtet. Auch eine Strasse in der Innenstadt und weitere Informationstafeln an Gebäuden mit jeweiligen Sachhinweisen, sind dem bekanntesten Bürger Triers gewidmet.
Lektion 5 – Völklingen Weltkulturerbe und die Saar …
… geprägt durch die Montanindustrie. 1873 wurde das Stahl und Eisenwerk im saarländischen Völklingen gegründet, 1881 kauften die Gebrüder Röchling die vorher bereits stillgelegten Anlagen und nahmen wenig später den ersten Hochofen in Betrieb. Röchling wurde zu einem bedeutenden Produzenten von Eisen und Stahl, auch dank immer neu entwickelten Produktionsverfahren. Das Unternehmen konnte grosse wirtschaftliche Höhenflüge verzeichnen, vor allem auch in beiden Weltkriegen. Aber sowohl im 1. wie im 2. Weltkrieg wurden Zehntausende von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern eingesetzt, und viele starben unter schwersten Arbeits- und Lebensbedingungen. An ihre Schicksale erinnnert die 2018 vom französischen Künstler Christian Boltanski geschaffene sehr eindrückliche und zum Nachdenken zwingende Installation «Erinnerungen / Souvenirs / Memories», die im heutigen Weltkulturerbe Völklinger Hütte eingebettet ist. Obwohl 1952 die Hütte ihren Produktionshöchststand erreicht hatte, sorgten folgende Stahl- und Eisen-Krisen für immer schneller kommende Umstrukturierungen und Umgesellschaftungen, schliesslich die Stilllegung der Roheisenphase 1986. Danach wurde dieser Teil als Industriedenkmal unter Denkmalschutz gestellt und Anfang der 1990er-Jahre der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Seither finden auf dem Gelände verschiedenste Kulturveranstaltungen statt. Das Spektrum reicht vom Open-Air-Rockkonzert über Kammermusik bis hin zu Ausstellungen über Mensch, Natur und Technik. 1994 bezeichnete die Unesco die Roheisenerzeugung der Völklinger Hütte als 1. Industriedenkmal aus dem Zeitalter der Industrialisierung. Einige der wichtigsten Anlagen können besichtigt und bestiegen werden, u. a. Sinteranlage, Erzhalle, Möllerhalle, Hochofengruppe, Winderhitzer, die weltweit einmalige Hängebahnwagen-Förderanlage, Gichtbühne, Hochofengruppe, Kokerei und die vielen Handwerke, bzw. Gewerbebetriebe. Sie ergeben anschauliche Eindrücke von der körperlichen Schwerstarbeit in diesen gigantischen Industriekathedralen und Hallen. Ein besonderes Denkmal, das an diese Zeit erinnert, ist ein übergrosses Sgrafitto an einer nahen Hausfront, das einen der letzten (türkischen) Eisenarbeiter in der Völklinger Hütte zeigt.
An den teils erstaunlich steilen und sonnigen Abhängen zum Saar-Fluss wachsen seit Jahrhunderten, also schon vor der grossen Eisen- und Stahlzeit in dieser Region, Rebengewächse. Weisse Weine werden vor allem gekeltert. Die Vaso-Studierenden nahmen Kostproben davon, auch um während der «strengen» Bildungsreise etwas für den Gaumen zu tun. Auch der Blick auf die landschaftlich reizvolle Saarschlaufe diente der geistigen Erholung.
Lektion 6 – Europa – Schengen
Für einmal mit der Schweiz. Schengen ein kleines Dorf im Dreiländereck an der Mosel, das vor allem vom Weinbau und von den Touristen lebt, schrieb europäische Geschichte. Wer kennt den Begriff Schengen – Symbol für den freien Personen-, Waren- und Dienstleistungsverkehr in Europa – nicht?! Wie gut es die Europäer mit der Schweiz und seinen Bewohnern meinen, zeigt sich allein an der Geste, die unser Europaaufklärer Ernst Moutschen mit dem Vaso-Präsidenten Kurt Altenburger, seinerseits als Gemeindepräsident Bürgermeister einer Schweizer Grenzgemeinde austauscht: Kurt erhielt ein Vorhängeschloss mit den Vaso-Initialen, und dieses Schlösschen hängt jetzt an einem der gitternen Schlosstürme in Schengen. Somit hinterlässt die Vaso Spuren in Europa bzw. ist in Europa angekommen. Ernst Moutschen erzählte und informierte uns wie ein Kleinstaat, eben Luxemburg, eine wichtige Rolle in Europa innehat. Allein die grossen Luxemburger Persönlichkeiten Robert Schumann, Gaston Thorn, Jacques Sauter, Jean Claude Juncker befruchteten Europa mit ihren Initativen immer wieder. Das Schengener Abkommen steht für den grenzenlosen Verkehr der Menschen, Austausch von Waren, Dienstleistungen und Geld usw.
Die anschliessende Moselschifffahrt auf einem Nachbau der namensgleichen MS Princess Astrid, auf der damals verschiedene Staatsfrauen und -männer die erste Schengener Urkunde unterzeichnet haten, liess, mal auf deutscher, mal auf luxemburgischer Seite, «Wein»-Dörfer und Rebberge vorüberziehen, quasi als Europa ohne Grenzen in seiner Praxis.
Zum Schluss ein herzliches Dankeschön an unseren Präsidenten Kurt Altenburger, der diese hochinteressante Studienreise konzipiert und umsichtig geleitet hat und an unseren wie immer souverän und sicher fahrenden Chauffeur Ueli.